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News aus dem Süden

Künstler im Kölner Süden: René Böll

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Kitsch ist keine Kunst“ – ein Portät über René Böll aus der Reihe Künstler im Kölner Süden.

Ich besuche René Böll in seinem Atelier im Kunsthaus Rhenania im Rheinauhafen in Köln. Brandsichere Metalltüren öffnen den Weg ins Treppenhaus. Der Beton an der Wand ist weiß übermalt, man sieht die Rohre an der Decke. Das karge Ambiente passt zum Kunsthaus. Bietet doch eben das Künstlern den nötigen Freiraum, sich zu entfalten und die Räume mit Kreativität zu füllen. Hier gibt es neben Performern, Fotografen, Musikern und Tänzern und Maler wie Herrn Böll. Das Atelier ist im ersten Stock, mit bodentiefem Fenster und Blick auf den Sporthafen. Eine alte Sitzecke lädt zum Verweilen ein, diverse Leinwände verdecken die Wände.

Herr Böll führt mich im Atelier herum und überzeugt schnell durch sein breites Fachwissen zu Farben, Pigmenten, Technik und Kunstgeschichte. Er zeigt mir seine immense Farbsammlung und zieht sachte einen Pigmentbehälter hervor, um eine Farbe anzumischen. Er schüttet das Pigmentpulver auf eine gläserne Anreibeplatte und vermengt es behutsam mit Hilfe von Spachtel und Glasläufer mit Leinöl. Es ist ein beruhigender, entschleunigender Vorgang. Die Fertig-Farbe aus der Tube zu pressen, hätte nicht im Ansatz die selbe Wirkung. Er geht dabei sehr detailorientiert vor und erklärt mir die spätere Farbentwicklung auf der Leinwand. 

„Es ist wie ein absolutes Gehör bei Musikern. Sie hören jede Feinheit. So ähnlich ist es mit Farben.“ Seine Bilder malt er nicht nur mit handelsüblichen Farben sondern auch mit außergewöhnlichen Stoffen. Farben, die aus Muscheln oder Blattläusen gewonnen wurden, Vulkanasche vom Ausbruch des Pichincha. Pigmente, die 2000 Jahre alt sind und bei einer Ausgrabung in Ecuador gefunden wurden. Manche Stoffe sind sogar giftig. Dann kann bei der Arbeit auch mal die Atemmaske zum Vorschein kommen. „Diese Farben haben andere Effekte. Diese Wirkung bekommt man durch eine Mischung, die ähnlich aussieht, nicht hin.“ erklärt er.

Er gießt eine Kanne grünen Tee auf und wir setzen uns in die weiten Sessel. Er zeigt mir seine Skizzenbücher und wir vertiefen unser Gespräch über Gefühle und Motivation beim Malen. „Gefühle sind immer drin. Piet Mondrian malt Quadrate, aber man sieht, dass da Gefühle drin stecken. Die Struktur, die Bewegung – das sind Gefühle.“

Ist es also nicht wichtig, was man malt, sondern was man ausdrücken möchte?

„Die Person hinter dem Bild ist nicht wichtig, das wird überschätzt. Man braucht keine interessanten Geschichten hinter dem Bild. Die große Geschichte dahinter ist egal. In Ausstellungen z.B. auf der Documenta sieht man immer wieder, wie die Besucher an Kunstwerken vorbeilaufen. Erst wenn der Museumsführer das Kunstwerk erklärt, finden es alle toll. Ein Bild sollte aber nicht erst durch die Erklärung toll werden. Ein Bild sollte sich selbst erklären.“ 

Aber wie kommt man an diesen Punkt? Was muss beim Malen passieren? 

„Beim Malen verfalle ich manchmal in eine Art Trance, in einen „Flow“ wie man heute sagt. Ich habe auch viel Qi Gong und Tai Chi gemacht, da gelten dieselben Regeln. 

Wenn man es gut machen will, dann geht es nicht. Man muss locker sein und gleichzeitig eine große Konzentration aufbringen – die Zeit vergessen. Wenn die Leute meinen, man steht vor der Staffelei und hat die große Eingebung, dann stimmt das nicht. Es ist eine Frage der Disziplin. Von selber kommt nichts.“ 

Neben seiner Öl- und Aquarellmalerei, beherrscht Herr Böll auch die Kunst des Silberstifts und die chinesische Tusche-Technik. Vor allem die chinesische Tusche-Malerei auf Reispapier ist eine höchst anspruchsvolle und schwierige Arbeit, die eine hohe Konzentration, Technik und jahrzehntelange Übung abverlangen. Er erzählt mir, dass er vor einigen Jahren einen Tusche-Kurs gegeben hat, den zwei Teilnehmer nach einer halben Stunde abbrechen wollten. „Ihnen sind die Striche nicht so gelungen wie mir, da wollten sie aufhören. 

Natürlich sind sie ihnen nicht geglückt. Zwischen uns lagen viele Jahre Erfahrung und Übung.“ Er lehnt sich zurück. „Bei Musikern versteht jeder, dass man lernen muss. Das ist bei der Kunst genauso. Van Gogh z.B. hatte keine klassische Kunstausbildung und musste es sich sehr hart erarbeiten. Es ist interessant, Jugendarbeiten berühmter Künstler zu sehen.“

Herr Böll spricht sehr ruhig und zurückhaltend. Er ist ein Beobachter mit viel Sachverstand, etwas introvertiert und melancholisch. Die Schwere spürt man in seinen Bildern, ebenso wie seinen Tiefgang und Ausdruck. „Ich verstehe mich nicht als Medium. Solche spiritistischen Sachen sind mir fremd. Ich lasse mich von Natur, Musik und Poesie inspirieren. Beim Malen höre ich gerne Klassik, z.B. Händel. Ich war oft in China, mit meiner Familie in Ecuador, mit meinen Eltern in Irland. Das Licht in Irland, das Licht der Berge ist anders als hier. Im Urwald habe ich gezielt die exotischen Farbkombinationen der Frösche erkundet, Reisen nach Galápagos: so etwas inspiriert.“

Es verstehen sich ja viele als Künstler. Reichen Inspiration und Technik aus um ein Künstler zu sein? Oder besser gesagt: Wann ist denn „Kunst“ keine Kunst? 

„Es gibt Sachen, wo die Leute meiner Meinung nach verarscht werden. Jeff Koons stellt seine Werke teilweise nicht einmal selber her. Das ist für mich Kitsch, keine Kunst! Jonathan Meese ist durch Hitler-Grüße auffällig geworden als augenscheinliche Kunstinszenierung. Für mich ist auch das keine Kunst. Meiner Meinung nach ist das „Sensationskunst“, genau wie das Malen mit eigenem Blut oder Körperfett. 

Man spricht dann so oft von „moderner Kunst“. Aber was heißt modern?“ Man hört die Entrüstung in seiner Frage. „Duchamp hat schon vor 100 Jahren ein Pissoir ausgestellt, um mit in dieser Zeit angesagten Salonmalerei zu brechen. Also auch die sogenannten modernen Performances und Happenings sind alles andere als modern.“

Mittlerweile sind unsere Teereserven erschöpft und auch die Zeit längst abgelaufen, sodass wir den Vormittag mit der letzten Frage ausklingen lassen müssen.

Sie haben nun eine jahrzehntelange Erfahrung. Wann ist man fertig mit einem Bild, aber auch generell als Künstler?

Er lacht ein wenig. „Ja das ist immer die Frage. Manchmal macht man das Bild auch kaputt und da hätte man lieber vorher aufgehört. Das Malen mit chinesischer Tusche ist dabei eine gute Schulung, weil sie keine Korrektur zulässt. Es kann eine große Kunst sein, einen Strich zu malen.

Am Ende ist es das Ziel ganz spontan zu malen, ohne viel nachdenken, so wie Picasso und Klee es letztendlich auch versucht haben.  Wieder malen wie ein Kind, das ist die letzte Stufe, wo man als Künstler hin will.“ 

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